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06.01.2000
Berliner Morgenpost
Es begann mit einer Schnapsidee . . .
Jetzt feiert das Vineta-Theater 100. Geburtstag
Von Heike Kasten-Nkongolo
Am kommenden Sonnabend spielt das Ensemble der Vineta-Bühne Ausschnitte aus vielen
beliebten Theaterstücken. Genau genommen war es eine Schnapsidee: Am 11. Januar 1900
saßen die Mitglieder eines Fußballvereins am Vinetaplatz in Wedding in einer Kellerkneipe
zusammen. Sie hatten keine Lust mehr, nur Sport zu treiben und beschlossen, eine Theater-
und Vergnügungssparte ihres Vereins zu gründen. Arbeiter und kleine Handwerker waren
es, die sich zunächst zum Theaterspielen zusammenfanden."Papageno" brachten sie 1901
als erstes Stück auf die Bühne. Von der klassischen Komödie wie "Pension
Schöller" bis hin zum "Biberpelz" wagten sie sich in den folgenden Jahren an ein immer
breiteres Repertoire. Die Stammkneipe am Vineta-Platz wurde zur Probebühne, "Vineta"
deshalb zum Namen für das neue Amateurtheater auserkoren.
Schnell erwarb sich das junge Amateurensemble einen guten Ruf und hatte entsprechenden Zulauf.
Die Spielstätten waren in der ganzen Stadt verteilt, eine der bekanntesten war
Puhlmanns Theater in der Schönhauser Allee, berichtet Barbara Grunow, die Vorsitzende
der Amateurbühne. "Den ersten großen Einbruch erlebte das Ensemble durch den Ersten
Weltkrieg", erzählt ihr Stellvertreter, Edgar Tutzschke. Doch danach fanden die
Amateurschauspieler wieder zusammen und führten die Tradition vom Vineta-Platz fort.
Doch die Ereignisse vor und während der Zeit des Nationalsozialismus sind nur schwer
nachzuvollziehen. Ein Luftangriff zerstörte das gesamte Archiv. "Deshalb ist es auch
nur eine Sage und nicht belegbar, dass der Fußballverein, aus dem wir hervorgegangen sind,
Hertha BSC ist", erklärt Vineta-Chronist Hans-Günter Nagel. Sicher ist, dass es dem
Buchdrucker Franz Beitz aus Kreuzberg zu verdanken ist, dass die Amateurbühne jetzt
ihr hundertjähriges Bestehen feiert. Beitz, der selbst zum ersten Kreis der
Amateurschauspieler gehörte, trommelte 1952 seine alten Ensemble-Kollegen wieder
zusammen. 1953 brachte der Theaterverein mit der Kriminalkomödie "Der Geisterzug"
seine erste Nachkriegs-Aufführung auf die Bühne. Drei der damals Aktiven sind
heute noch dabei. "Nach Neukölln kam die Amateurbühne Vineta eigentlich durch
einen Zufall", so Nagel. "Ende der 50er Jahre übernahm Karl-Heinz Lemke den Vereinsvorsitz.
Und der war Hausmeister an der Ernst-Abbe-Schule in der Sonnenallee." Heute feiert das
Vineta-Ensemble seine Premieren in den Räumen der Neuköllner Oper. Die Bühne
darf das Amateurtheater unentgeltlich nutzen. Andere öffentliche Förderung gibt
es nicht. "Wir finanzieren uns allein durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und das
Eintrittsgeld", so die Vorsitzende. Trotzdem sind die 55 Ensemblemitglieder mit vollem
Einsatz bei der Sache. Angefangen vom Jüngsten, gerademal 14 Jahre alt, bis hin zum
ältesten, der schon 95 Jahre alt ist. Zwei bis drei Mal in der Woche treffen sie sich
mindestens sechs Monate lang, bevor ein Stück aufgeführt wird. Die Kostüme
werden selbst geschneidert, außerdem bauen die Ensemble-Mitglieder Kulissen, sorgen für den
guten Ton und rücken das Geschehen auf der Bühne ins rechte Licht.
Ihren 100. Geburtstag feiert die Vineta-Bühne mit der "Vergnüglichen Zeitreise
von Null auf Hundert." Premiere hat das Stück am kommenden Sonnabend um 20 Uhr in der
Neuköllner Oper an der Karl-Marx-Straße 131. Karten unter Tel.: 686 77 85.
06.01.2000
Tagesspiegel
Amateure auf die Bühne...
Das Theater "Vineta" in Neukölln ist hundert Jahre alt
Lampenfieber geht nicht vorüber. 13 Jahre spielt Barbara Grunow nun schon
Theater. Nervös sei sie trotzdem vor jedem Auftritt, erzählt die 55-Jährige.
Wenn der Vorhang fällt, werde sie dafür entschädigt. "Der Applaus ist der
schönste Lohn". Ein "unbeschreibliches" Gefühl überkomme sie dann auf der
Bühne.
In ihrem bürgerlichen Leben ist Barbara Grunow Verwaltungsangestellte im Weddinger
Sozialamt. Doch davon erzählt sie nicht so gerne. Zwar habe sie seit ihrer Kindheit
Schauspielerin werden wollen, sich aber nie getraut, es hauptberuflich in dem unsicheren
Metier zu versuchen. Dafür spielt Grunow im Neuköllner Amateurtheater Vineta,
einer der 15 Amateurbühnen der Stadt. Hundert Jahre ist es gerade alt geworden, Grunow
ist im Geburtstagsstück "Von Null auf Hundert" als Moderatorin und als Lilli Marleen
zu sehen.
Unter anderem Pförtner und Postboten, Bierkutscher und Beamte opfern
allwöchentlich ein bis zwei Abende, um im Vineta-Verein auf den sprichwörtlich
weltbewegenden Brettern zu stehen. Das war um 1900 nicht anders, als das Amateurtheater
in einer Kneipe des Weddinger Vinetaplatzes gegründet wurde. Ursprünglich
gehörten die Vereinsmitglieder zu einem Fussballclub, doch sie hatten das Kicken
satt. "Durch theatralische Aufführungen" wollten sie fortan "das Interesse auf dem
Gebiet der dramatischen Kunst fördern". Auf die Sitzungen durfte laut Satzung aber
auch "Fidelitas, mit Tanz und Vorträgen" folgen.
Dass es sich bei Vineta 1900 e.V. um einen typisch deutschen Verein, mit Kassierer,
ersten und zweiten Vorsitzenden, Schriftführer und Wimpel handelt, sieht man der
Revue "Von Null auf Hundert" nicht an. Gut 30 Darsteller wirbeln da in farbenprächtigen
Kostümen über die Bühne des Theaters in der Passage, die man sich mit der
Neuköllner Oper teilt. In der selbstgebauten Kulisse einer Alt-Berliner Kneipe
stellen sie epochenweise die Geschichte der Amateurbühne nach. Da wird Schieber
und Foxtrott getanzt, zeichnet Zille seine Portraits, treten die Comedian Harmonists
und die Beatles auf, wird in den Sketchen ordentlich berlinert.
Vor allem Lachen sollte das Publikum, findet Barbara Grunow, die auch
Vereinsvorsitzende ist. Wenn es allein nach ihr ginge, würden hauptsächlich
Komödien gespielt. Jährlich drei Produktionen bringt Vineta auf die Bühne,
das Programm ist eine Mischung aus Bildungs-, Märchen- und Unterhaltungsstücken,
es reicht vom "Zerbrochenen Krug" bis zum "Dschungelbuch". Wer mag, kann sich dem
Verein übrigens anschließen, nur Hoffnungen auf eine Hauptrolle sollte man
sich bei rund 60 spielbegierigen Mitgliedern nicht gleich machen. TOBIAS ARBINGER
Weitere Vorstellungen von "Von Null auf Hundert": Freitag, 21.1.; Sonnabend, 22.1.
und Sonntag, 23.1. im Theater in der Passage, Karl-Marx-Straße 131.
Karten 15 Mark. Vorbestellung unter Tel.: 6867785.
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